Gesellschaft

Die Toten bekommen bei der Kölner Ditib ihr Abschlussgebet in der Tiefgarage

2. November 2018

Im Rückblick scheinen mir die Sommer meiner Kindheit schöner gewesen zu sein. Überhaupt war ein Sommer ein Sommer und der Winter wie er sein sollte, oft mit Schnee und schön kalt. So zumindest erlebte ich es in meinen Erinnerungen. Unsere türkische Familie in Köln war angekommen und angenommen. Integration war damals ein Wort, was man nicht so häufig benutzte, aber dafür umso mehr lebte.

In der Keupstraße eröffneten in den 70er-Jahren viele türkische Geschäfte, eines der ersten gehörte meinem Vater. Bunt waren die Auslagen, es roch ein wenig wie im Sommerurlaub in der Türkei. Deutsche Kundschaft kam gerne dorthin, um die verschiedensten fremdartigen Gemüse und Gewürze zu kaufen. Doch in erster Linie waren es Läden, in denen man die Sehnsucht nach dem Heimatland ein wenig stillen konnte. Zumindest konnten die Ausgewanderten die Waren finden, die ihre traditionelle Küche verlangte.

Ich erinnere mich an die anderen Ladenbesitzer. Immer für einen Schwatz bereit, standen sie oft in den Eingängen ihrer Geschäfte, lachend und wohlwollend uns gegenüber, die wir noch Kinder waren. Im Kleidchen, mit Kniestrümpfen und Lackschühchen spielten wir auf den Bordsteinen Hüpfekästchen mit anderen türkischen Kindern, wenn die Sonne schien und es draußen warm war.

An den Wochenenden waren die Schiffe an der Kölner Anlegestelle unterhalb des Doms voll mit Menschen wie uns. Die Arbeiterwohlfahrt organisierte Tagestouren nach Linz, Koblenz oder Königswinter. Die Boote voll mit unseresgleichen, Musikbands spielten folkloristische Klänge mit Bauchtanz-Rhythmen, Sängerinnen mit hochtoupierten Haaren sangen schmachtende türkische Liebeslieder. Ihre Stimmen brachten lang gezogene, fast weinerliche Töne heraus, die der Rohrflöte ähnlich waren.

Foto: Sema Wittgenstein (privat)

Wir lachten und tanzten wie die Erwachsenen, die, in meinen Erinnerungen, die damalige Kleidung der 70er-Jahre trugen wie die Deutschen, vielleicht nur ein bisschen bunter. Es wurde ausgiebig Raki und Bier getrunken. Schlimm war es, wenn wir Kinder die klare Flüssigkeit auf dem Tisch mit Wasser verwechselten und uns daran verschluckten, aber auch dazu lachten die Erwachsenen herzlich.

Überall hingen Bilder des Republikgründers Kemal Atatürk in den türkischen Einrichtungen, Geschäften und auch in den privaten Wohnräumen. Ich lernte noch Gedichte, die wir am 19. Mai und 29. Oktober, den Nationalfeiertagen, jedes Jahr bei den Festen aufsagten, die das türkische Konsulat in Köln veranstaltete.

Natürlich kämpfte ich gegen archaische Traditionen in meiner Jugend, die man mir im Elternhaus aufzwängen wollte, und natürlich schoben Eltern in türkischen Elternhäusern gerne den Islam als Argument vor, den wir Heranwachsenden zwar „irgendwie“ mitlebten, aber nie so als absolut unterdrückendes Element wahrnahmen. Zumindest nicht der Großteil, der hier in Deutschland aufgewachsen oder gar geboren war.

Heute herrschen in den türkischen Vierteln von Köln andere Farben vor. Es ist grauer geworden in Deutschland, und dunkler. Vollverschleierung ist ein neues Element, das wir eigentlich nur aus historischen Orientfilmen kannten, oder aus den arabischen Ländern. Dass sogar Kinder ihre Haare verhüllen ist befremdlich, aber seit einigen Jahren bittere Realität.

Der Mann, der sich als wahrer, einziger Führer der Türkei sieht und diesen Rückschritt verursacht hat, wird nun in meiner Heimatstadt „Kölle“ erwartet. Der Mann, der die Religion über den Staat erhebt und damit dem Laizismus von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk den Kampf angesagt hat und lieber sein Konterfei statt Atatürks in allen türkischen Räumlichkeiten sieht, kommt um ein Gebäude einzuweihen, von denen er noch viel mehr in Deutschland gerne sehen würde – die Zentralmoschee in Köln.

Der Islam ist doch längst in Deutschland

Eine überdimensionale islamische Stätte, die in dieser Größe und Dominanz nicht nötig gewesen wäre. Aber es geht um den Symbolcharakter – der Islam in Deutschland! Während wir noch diskutieren, ob der Islam nun zu uns gehört, steht er doch schon längst da! In vielen großen Gebäuden, exponiert, nicht zu übersehen an wichtigen Plätzen in allen deutschen Großstädten.

Die Moschee in Köln ist besonders groß und erhöht, viele steile Stufen führen auf diesen „Tempelberg“. Viele Baumängel sind nach Fertigstellung durch die Stararchitekten Gottfried und Peter Böhm jetzt schon zutage gekommen. Auch äußerlich sieht der Betonbau, dessen Baubeginn 2009 war, jetzt schon so aus, als könne er eine tüchtige Sanierung gebrauchen.

Foto: Sema Wittgenstein (privat)

Ich selber war gezwungen durch den Tod meines Vaters, diese Moschee zu nutzen, da mein Vater eine Bestattungsversicherung bei der Ditib abgeschlossen hatte. Es lief wirklich alles wie geschmiert, ich musste mich um nichts kümmern, doch als wir zur Trauerzeremonie in die Zentralmoschee nach Köln fuhren, wurden wir mit einem der eminenten Baumängel dieser Moschee konfrontiert.

Im Islam ist vorgeschrieben, dass der Tote ein Totengebet mit einem Imam auf einem Platz unter dem freien Himmel erhalten muss, im Idealfall vor der Moschee. Doch gerade das war bei dieser Zentralmoschee nicht möglich. Eine Stunde vor den Feierlichkeiten teilte man mir mit, dass man den Sarg mit meinem toten Vater nicht zur Moschee bringen könne, da diese noch nicht richtig dafür eingerichtet sei. Ich möge doch bitte mit unserer Familie und Bekannten auf den Platz unterhalb der Moschee kommen.

Ich war verwirrt und verstand nicht richtig, was die Ditib-Mitarbeiter wollten, und dachte, wir treffen uns erst einmal dort, um dann weitergeführt zu werden. Meine Trauer um meinen Vater verlangsamte ehrlicherweise auch mein Denken. Irritiert fragten wir uns an der Moschee durch und wurden zu einem Treppenhaus, seitlich des Moscheebaus gelegen, geführt, über das wir nach unten gelangten.

Wir landeten in der Tiefgarage der Moschee und stellten fest, dass eine uns fremde Menschengruppe vor einigen freien Autostellplätzen stand, die mit rot-weißem Baustellenband abgesperrt waren. Jemand erklärte uns, dass dies einige Gläubige vom Mittagsgebet seien, die am Totengebet mitwirken würden. Erst als ein Bestatter-Van der Ditib dort anhielt und zwei Särge herausgetragen wurden, realisierte ich allmählich, was sich abspielte.

Entsetzt sah ich, wie mein totes Väterchen und ein anderer Sarg auf irgendwelche Tische im Bereich der freien Parkplätze getragen wurden und der Imam sich davorstellte. Die Männer in der ersten Reihe und die verhüllten Frauen in der hinteren Reihe stellten sich zum Gebet auf.

Mein deutscher Ehemann, der noch nie einer muslimischen Totenfeier beigewohnt hatte, sah mich verwirrt und fragend an. Ich schämte mich zu Tode. Wie sollte ich ihm diese Würdelosigkeit Toten gegenüber erklären … andere Länder, andere Sitten?! Mühsam musste ich meine wütende Mutter davon abhalten, nach vorne zu gehen und Rabbatz zu machen, das hätte meinem Vater auch nicht mehr geholfen.

Wie gelähmt verfolgten wir die „Zeremonie“ in der Tiefgarage. Das arabische, näselnd gesungene Gebet des Imams, anderswo beruhigend und entrückt wirkend, hallte hier von den niedrigen, nackten Betondecken kalt wider. Die Betenden wiegten sich dazu im Licht der Neonröhren.

Meinem Vater hätte es wahrscheinlich sogar gefallen, es war die Art Humor, mit der er sich über die Scheinheiligkeit der Imame und Mullahs lustig machte. Schon beim Tod meiner Schwester vor zehn Jahren hatte er sich spöttisch darüber echauffiert, dass die Ditib eine Totenfeier auf einem Parkplatz neben dem TÜV an der Inneren Kanalstraße veranstaltet hatte.

Im Geiste sprach ich zu ihm: „Siehst du, Papa, damals sagtest du, man könne nicht tiefer sinken, als sein Totengebet aufgebahrt auf einem Parkplatz zu bekommen, doch ich muss dich leider korrigieren, es geht anscheinend immer noch eine Stufe tiefer … in die Tiefgarage!“ Ich weiß, er hätte herzhaft mit mir gelacht.

Natürlich beschwerten wir uns bei der Ditib. Dort teilte man uns mit, man könne nichts daran ändern, es sei nicht ihre schuld. Der Architekt habe falsch geplant, deshalb würden die Särge nicht in die Aufzüge passen, aber die steilen Treppen könne man die Toten auch nicht hochtransportieren. Das heißt, wir sind kein Einzelfall. Anscheinend bekommen alle Toten bei der Ditib in Köln ihr Abschlussgebet in der Moschee-Tiefgarage!

Doch egal, der große Führer Erdogan wird am Samstag, so Allah will, die Moschee offiziell eröffnen. Die Chance, sich mit so einem Großereignis zu verewigen und symbolisch klarzustellen, dass der Islam zu Deutschland gehört, wird er sich nicht entgehen lassen. Das Ziel wird sein, noch viele derartige Gebäude dieser „friedfertigen“ Religion in Deutschland anzusiedeln, vergessen wir nicht: der Islam ist eine missionarische Religion. Was können die Muslime dafür, wenn die Christen ihrerseits nicht von ihrer missionarischen Aufgabe Gebrauch machen.

Der große Führer der Türkei wird bescheiden, wie er sich gibt, eine „kurze“ Rede halten. Derweil fordern die türkischen Institutionen, allen voran die Ditib, alle ihre Landsleute auf, zu Tausenden nach Köln zu kommen. Die Polizei in Köln ist irritiert. Sollte das eintreten, wird sie wohl nicht für ausreichend Sicherheit sorgen können und richtet schon seit gestern Absperrungen ein.

Ich frage mich nur, wo sind die alten türkisch-kölschen Menschen? Gibt es sie überhaupt noch, oder sind wir die letzten? In den alten Vierteln finde ich sie jedenfalls nicht mehr. Früher ging ich mal mit deutschen Freunden türkisch essen, das macht keinen Spaß mehr.

Die ehemals bekannten Restaurants verwehren heute den Gästen ein herzhaftes Efes-Bier zum Essen, natürlich gibt es auch keinen Raki. Vielleicht hat es ja etwas Gutes – Kinder können unbedenklich jedes Glas vom Tisch austrinken, ohne sich zu verschlucken. Aber die heutigen Türken in Köln hätten eh nicht gelacht!

Gesellschaft

Der Burkini geht baden!

29. Oktober 2018

Ich werde nie vergessen, wie unendlich tief die Scham in mir saß, wenn es wie jedes Jahr auf Fahrt ins Landschulheim ging. Beim allerersten Mal war es ein Schock für mich, warum ich als einziges Kind in meinem 5. Schuljahr nicht mitfahren durfte. Es gab keine Diskussion darüber. Ich wurde sogar beauftragt, dem Klassenlehrer zu übermitteln, dass mein Vater strikt dagegen sei. Und der, ein sehr netter, offener Alt-68er, nahm den Kampf um mich auf sich.

Mehrfach sprach er mit meinen Eltern – wobei meine Mutter auf seiner Seite stand. Doch gegen meinen Vater hatten beide einen schweren Stand. In der Schule waren alle informiert, und ich stand im Fokus meiner Mitschüler. Plötzlich fühlte ich mich fremd – wegen meines Vaters – ich war die Außenseiterin.

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Gesellschaft

Ohne den Willen, sich zu integrieren, geht nichts

15. Oktober 2018

Hat Deutschland die Integration seiner „Gastarbeiter“ verhindert? Diese in der Türkei geborene Autorin meint: Für den ersten Schritt sind nicht die Deutschen verantwortlich. Ein Gastbeitrag.

Serap Güler machte unlängst deutlich, dass viele „Gastarbeiter“, unter ihnen die eigene Familie der Autorin, sich als Opfer sehen, und zwar als Opfer der deutschen Gesellschaft. Deutschland habe mit fehlenden Angeboten die Integration verhindert. Doch so einfach funktioniert die Schuldzuweisung nicht. Zur Integration gehören natürlich Sprachkenntnisse und Kenntnisse des Einwanderungslandes. Doch der erste Schritt dazu ist der Wille des Einzelnen, den man nicht erzwingen kann.

Ohne den Willen, sich zu integrieren, geht nichts. Sehr klar erklärt Frau Güler diesen Punkt anhand des Beispiels ihres Vaters: „Mein Vater hatte tatsächlich den Anspruch, nie Deutsch zu lernen.“ Noch deutlicher kann man den Unwillen zur Integration nicht beschreiben. Wie Serap Güler dann aber dazu kommt, die Schuld den Deutschen zuzuschreiben, weil angeblich keine richtigen Deutschkurse vermittelt wurden, ist mir unverständlich.

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